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Willkommen im Mittelalter – Oder wie man eine Hexe verbrennt



Das Verbrennen einer Hexe würden wir heute als Mord mit besonderer Grausamkeit einstufen. Aber das greift zu kurz: Schliesslich wurden die Hexen zuerst verurteilt und dann hingerichtet. Die Morde waren also gesellschaftlich legitimiert.

Die fehlende Debatte um Corona spaltet die Gesellschaft und erinnert an Phänomene des Mittelalters. Angeprangert werden heute die Hinterfragenden, die kritisch Denkenden – die modernen Hexen werden als «Corona-Leugner» verunglimpft.

Täglich lesen wir in der Zeitung die Infektionszahlen. Dass 80-90% der Infizierten einen milden oder sogar symptomfreien Verlauf haben(1), wird fast nie erwähnt. Bei den Berichten über die schweren Verläufe fehlen die Vergleiche zu anderen Jahren. Mit der Berichterstattung wird eine Akzeptanz der einschneidenden Massnahmen erzeugt, ungeachtet der schwerwiegenden Schäden, welche die Massnahmen hinterlassen. Im Jahr 2020 meldet das Kinderspital 592 Verdachtsfälle auf Kindesmisshandlung – 48 mehr als im Vorjahr(2). Das ist ein Anstieg um 8%. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs: Es sind nur die Fälle, die im Kinderspital auffallen.


500 Prozent mehr Depressionen

Die Universität Basel hat in einer Monitoring Studie festgestellt, dass Depressionen explosionsartig zugenommen haben. «Während der Anteil von Befragten mit schweren depressiven Symptomen vor der Pandemie 3 Prozent betrug, während des Lockdowns im April 9 Prozent und in der Zeit der Lockerungen im Mai 12 Prozent, stieg er im November auf 18 Prozent an.»(3) Das entspricht einer Zunahme um 500%. Besonders hart getroffen sind die 14-24-Jährigen. Die Ursachen sehen die Autoren in den Belastungen durch die veränderte Situation bei der Arbeit, an der Schule oder in der Ausbildung. Weitere Faktoren werden in Belastungen durch finanzielle Einbussen, die Belastung durch die Zunahme von Konflikten zuhause und Zukunftsängste gesehen. Warum werden diese «Nebenwirkungen» der aktuellen Corona-Strategie nicht eingehend diskutiert?

Die Parallelen zum Mittelalter sind mehrfach. Ein zentraler Treiber dürfte die Angst sein. Wenn man bedenkt, dass in Mitteleuropa über einen geschätzten Zeitraum von 300 Jahren rund 30‘000 Hexen hingerichtet wurden, drängt sich die Frage auf: Wie war das möglich?

Eine zentrale Rolle bei der Hexenverfolgung dürfte das Buch "Hexenhammer" von Heinrich Krammer gespielt haben. Das im Jahr 1486 publizierte Werk legitimiert die Hexenverfolgung. Johannes Gutenberg hatte mit seiner Erfindung im Jahr 1450 den Buchdruck ermöglicht. Aber es konnte nicht alles in gleicher Weise verbreitet werden. Während der Hexenhammer verbreitet wurde, unterlagen kirchenkritische Schriften der Zensur. Die Prozesse stiessen auf eine breite Akzeptanz, weil viele Glaubten, dass damit etwas Böses aus der Welt geschafft würde. Ohne diese Akzeptanz, hätte sich die Verfolgung der Hexen nicht so lange halten können.

Es war gefährlich, sich kritisch zu äussern, da man sich damit verdächtig machte, auch mit dem Teufel im Bund zu stecken. In dieser Zeit verfasste René Decartes (1596-1650) seine Schriften zur Erkenntnistheorie und legte damit Grundsteine für die Aufklärung (ca. 1650-1800). René Decartes war beseelt von der Frage, was kann man wissen und woran kann man erkennen, dass man etwas weiss - im Gegensatz zum Glauben, bei dem die Wahrheit einfach vorgegeben ist. Ein heikles Unterfangen und so musste er auch immer wieder Unterschlupf suchen, um möglichen Folgen seines Wirkens zu entgehen. 13 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1663, wurden die Schriften von Decartes verboten. Das kritische Denken hatte einen langsamen und schweren Start, liess sich aber nicht aufhalten. Die letzte überlieferte Hinrichtung einer Hexe in Mitteleuropa wird auf das Jahr 1793 datiert, mehr als 100 Jahre nach Decartes Tod.


Des eigenen Wissens bewusst sein

Es wäre vermessen, das Lebenswerk von Decartes in einem Satz zusammenfassen zu wollen. Dennoch ist der Kern einfach: Wenn ich nicht weiss, woher ich etwas weiss und die Herleitung nicht erklären kann, dann weiss ich es eben nicht. Neben diesem ersten Grundsatz der Skepsis muss auch der vierte Grundsatz der Rekursion genannt werden: Man muss auch stets prüfen, ob bei der Untersuchung Vollständigkeit erreicht ist.

Professor Tanner, ehemals Vorsitzender der Sektion Public Health der Corona Task Force des Bundes, führt die hohe Zahl an milden und symptomfreien Coronainfektionen auf eine vorbestehende Immunität aufgrund Kreuzimmunität zurück.(4) Viele von uns hatten schon Kontakt mit anderen Coronaviren und das Immunsystem ist nicht ganz unvorbereitet. Die Aussage ging im Getöse der Fallzahlen leider unter. Schlimmer als das Virus ist die Angst davor und was sie mit uns macht.

Die Verfolgung der Hexen liegt nun weit in der Vergangenheit. Leicht geraten wir in Versuchung, mit einem Anflug von Überheblichkeit auf die beschränkte Sichtweise im Mittelalter zurück zu blicken. Aber sind wir wirklich bereit, die Welt mit den Augen von Decartes zu betrachten, wenigstens ab und zu für einen Moment - sind wir bereit, diesen Aufwand zu betreiben?



Quellenhinweis:

Die Recherche zur Hexenverfolgung stützt sich auf Angaben im Internet, vornehmlich Wikipedia.


1) Streck et al. 2020: Infection fatality rate of SARS-CoV-2 infection in a German community with a super-spreading event

Streek Heinsbergstudie 2020.full
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2) Tagblatt der Stadt Zürich, 17.2.2021


3) Swiss Corona Stress Study unter der Leitung von Prof. Dr. Dominique de Quervain, 17.12.2020


4) Interview von Samuel Eckert mit Professor Tanner erschienen auf Youtube am 11.9.2020 (das Video ist auf Youtube nicht mehr verfügbar).